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Kontemplation spiritueller Texte

Auf der Seite Retreats habe ich unter „Kontemplation“ formuliert:

„Wir hören biblische Texte und Worte daoistischer oder buddhistischer Lehrer.
Wir nehmen diese Worte in uns auf, erleben wie sie in uns wirken, wir bewegen Sie in uns.
Wir machen eigene Erfahrungen mit diesen Worten und probieren Sie aus.
Wir leben mit ihnen und prüfen ob wir Ihnen vertrauen möchten.
Wir erleben, ob sie für uns wahr sind.“

Spirituelle Texte erweisen ihre Wahrheit durch Erfahrung

Diesen Umgang mit Texten habe ich bei meinem theologischen Lehrer Klaus Berger in seiner Hermeneutik des Neuen Testaments gelernt: Es gibt keine absoluten, allgemeingültigen Wahrheiten. Sondern ein biblischer Text erweist seine Wahrheit darin, dass er den Menschen, die mit diesem Wort umgehen, gelingendes Leben ermöglicht.
Was „gelingedes Leben“ ist, dafür gelten Kriterien wie Freiheit, Wachstum, Gemeinschaft, Glück und so weiter. Das muss im Einzelnen dann natürlich genauer angeschaut werden und ist gewiss auch nicht immer offensichtlich. Menschen müssen sich immer wieder neu miteinander darüber verständigen, was „Gelingen“ bedeuten kann.

Das ist ebenfalls das Wesen im Umgang mit Wahrheiten in der buddhistischen und auch daoistischen Tradition: Es gibt nicht Dogmen, die blind geglaubt werden müßten, sondern ich muss in meinem Üben selber konkret die Wahrheit einer Aussage erfahren können. Bzw. das Üben führt mich dahin.

Wie üben wir Kontemplation während eines Retreats?

Während eines Retreats üben wir mit den Texten, indem wir zuerst uns selber so weit wie möglich frei machen von all dem, was uns umtreibt und bewegt. Wir legen diese Themen beiseite. Und wir machen uns bewußt, dass wir weder identisch sind mit unseren Emotionen. Noch sind wir identisch mit unseren Gedanken.
Wir betrachten zunächst also uns selbst und nehmen wahr, was gerade ist. Auf diese Weise erleben wir den freien, offenen Raum, der unter den Schichten unserer Emotionen und unseres Denkens liegt. Und unter den Schichten, all dessen, was uns beschäftigt.
Diese Offenheit erleben wir dann auch körperlich, indem wir unseren Atem in den Unterbauch, in unsere Körpermitte sinken lassen. Wie das zu tun sei, dafür gibt es Anleitung während des Retreats. Weite üben wir Aufrichtung und wir schenken Körperregionen, die wir als verhärtet, verkürzt oder auf andere Wiese blockiert erleben, unsere liebevolle Aufmerksamkeit. Wir befehlen diesen Orten nicht, sich verändern, also entspannen, zu müssen. Sondern wir lassen einfach nur unser Gewahrsein dort ruhen während der Atem weiter fließt. Um zu erleben, ob sich dieser Bereich unter der Aufmerksamkeit vielleich lösen mag.
Schließlich üben wir mit der Vorstellung, dass unsere Gelenke sich öffnen und weiten. Dass mehr Raum entsteht in den Gelenken.

In diese Offenheit hinein wird dann ein Wort gelegt, das heißt gelesen. Zumeist ein biblisches Wort und Worte aus dem daoistischen oder buddhistischen Kontext, die einander korrespondieren.

Wir achten darauf, ob diese Worte so sind, dass wir sie gut einlassen können. Uns auf sie einlassen können. Es mag ja durchaus Worte geben, denen wir uns nicht aussetzen möchten. Wenn das einmal der Fall ist, dann ist das auch gut so. Es ist mir sehr wichtig, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Intuition folgen: Wenn jemand spürt, dass ein Wort für ihn oder sie jetzt hier nicht richtig ist, dann möge man es einfach neben sich legen, in einem Abstand wie er gut ist.
Wenn aber die Worte gehört und eingelassen werden können, dann lade ich ein, sie in sich wirksam sein zu lassen. Und dem nachzuspüren: Was zeigt sich in dir? Was ensteht? Bewegt sich etwas in dir? Steigen Bilder auf? Töne? Gerüche? …

Was also bedeutet Kontemplation?

Kontemplation meint also nicht die Frage: Was denkst du? Wie verstehst du? Wie ordnest du ein oder bewertest du?

Kontemplation meint, ein Wort in mich hineinzunehmen. Und nachzupüren, wie es in mir wirkt, was es in mir bewirkt. Ganz konkret körperlich auch. Gar nicht so sehr anders, als der Bissen einer Mahlzeit oder der Schluck eines Getränkes.

Kontemplation bedeutet, die alten Worte zu fühlen, zu erfahren, zu verdauen, zu leben.

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